Briefverkehr zwischen Tossanus und Sebastian Beck 1619
1 Einleitung
Der Anlass zur Briefanalyse war, dass die Schüler*innen des Lateinkurses der Q2 (vorher Q1) als Klausurersatzleistung einen Brief eines ehemaligen Professors der Hohen Landesschule zuerst von der lateinischen Originalversion ins Deutsche übersetzen und danach analysieren sollten. Des Weiteren wird sowohl die Übersetzung des Briefes, als auch die Briefanalyse selbst, für die Aufarbeitung der Schulgeschichte verwendet und in diesem Rahmen auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Der vorliegende Brief wurde von Dr. Paulus Tossanus, einem ehemaligen Professor an der Hohen Landesschule Hanau, am 29. August 1619 in Heidelberg verfasst. Er schrieb Dr. Sebastian Beck, Hochschulleiter der Universität Basel, über persönliche und politische Themen, wie die Hochzeit Becks oder die aktuelle politische Lage und seinen persönlichen Gedanken und Ansichten zu dieser. Dabei spielt vor allem die Religion eine große Rolle für die Themen des Briefes und Tossanus´ Stellung zu diesen. Anlass zum Brief gab es für Tossanus vor allem darin, Beck auf seine Briefe zu antworten, nachdem er von einer Reise zurückgekehrt war. Um den Inhalt des Briefes analysieren zu können, habe ich mich vorerst über die Hintergründe der Personen und der Zeit informiert.
2 Einordnung des Briefes
2.1 Politisch/Historischer Hintergrund
1619, zu der Zeit als Tossanus den Brief an Beck schreibt, ist der Konfessionsstreit zwischen Katholiken und Protestanten (Reformierten) ein wichtiges politisches Thema. Zwar gab es diesen Konfessionsstreit schon im 16. Jahrhundert, allerdings wurde er durch den Augsburger Religionsfrieden zunächst geregelt. Mit Ende des 16. Jahrhunderts kam eine neue Generation von Fürsten an die Macht, für welche ihre Konfession sehr wichtig war und welche auch sehr konfliktbereit waren. Dadurch kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Ferdinand II. war ab 1617 König von Böhmen. Allerdings war Böhmen hauptsächlich protestantisch und auch der Adel wollte den katholischen Herrscher loswerden. Da die habsburgische Landesherrschaft die Religionsfreiheit der Protestanten rückgängig gemacht hat und so die Unterdrückung der Protestanten durch katholische Machthaber stieg, wuchs die Wut der Protestanten auf ein Maximum. Somit wurde der Prager Fenstersturz hervorgerufen. Reformierte Adlige stürmten die Prager Burg und warfen königliche Statthalter aus den Fenstern. Damit begann der 30-jährige Krieg (1618-1648), Tossanus schrieb also zu Beginn dieses Krieges.
Zur Synode 1618/19:
Auf der Synode (=Sammlung von Vertretern der evangelischen Kirche) von Dordrecht wurde die Lehre der Bibel über die freie und souveräne Gnade Gottes zusammengefasst und niedergeschrieben. Diese Dordrechter Lehrregeln wurden im Mai 1619 verabschiedet und man verteidigte sich somit gegen die Remonstranten (später auch Arminianer genannt). Diese sind Anhänger des Theologen Jacob Arminius (1560-1609) und hatten teilweise eine andere Ansicht bezüglich der Bibel und Gott, als die Mehrheit der Reformierten. So glaubten sie zum Beispiel daran, dass Gott Menschen aufgrund ihres Glaubens auserwähle, und nicht, dass die Erwählung Gottes bedingungslos ist. Vor der Synode, im Jahr 1610, veröffentlichten Remonstranten fünf Artikel, mit welchen sie sich gegen das reformierte Bekenntnis stellten. Die Dordrechter Lehrregeln sind also eine Art Verteidigung gegen die Remonstranten und ihre Glaubensansichten.
2.2 Biografische Informationen zu Tossanus
Paul Tossanus (Paulus Tossanus) wurde am 27. September 1572 bei Montargis geboren. Er ist reformierter Theologe mit hugenottischer Abstammung. Er studierte in Heidelberg, Altdorf, Genf und Leiden. Später arbeitete er einige Jahre in Deventer und Amsterdam als Rektor und reiste nach England, wo er auf den Hochschulen Oxford und Cambridge sein Wissen erweiterte. Seinen Doktortitel in der Theologie erhielt Tossanus im März 1599 in Basel. 1600 kam er in die wallonische Gemeinde Frankenthal. Anna d’Orville (1574-1606), seine erste Frau, heiratete Tossanus 1601. Mit ihr zusammen hatte er eine Tochter. Seine zweite Frau, Esther Briselance heiratete er 1607. Zusammen bekamen die beiden vier weitere Kinder. 1608 kam Tossanus als Pastor der Klosterkirche und Mitglied des Kirchenrates nach Heidelberg, wo er ab 1613 auch als Professor der Dogmatik an der Universität tätig war. Er war strenger Gegner der Arminianer, was er auch auf der Dordrechter Synode (1618/19), zusammen mit Abraham Scultetus und Heinrich Alting, zum Ausdruck brachte. 1622 musste Tossanus wegen der Zerstörung Heidelbergs fliehen und fan seinen neuen Wirkungskreis an der HoLa, an welcher er bis 1631 als Professor der Theologie lehrte. Nach dieser Zeit ging er nach Heidelberg zurück, wo er dann als Mitglied des kurpfälzischen Kirchenrates bis zu seinem Tod im Juni 1634 tätig war.
2.3 Genannte Personen
Hans Sebastian Beck wurde am 1. Oktober 1583 in Basel geboren. Er war evangelischer Geistlicher und Hochschulleiter. Durch seine Lehrfähigkeit trug er zur Festigung der reformierten Orthodoxie in Basel bei, wo er als Professor an der Universität arbeitete. Später wurde Becks auch mehrmals Rektor an der Universität. Bei der Dordrechter Synode 1618/19, also zu Beginn des 30-jährigen Krieges, verteidigte Beck die Prädestinationslehre gegen die Arminianer. Wie man auch in dem Brief von 1619 von Tossanus an Becks erfährt, heiratete dieser im Jahr 1619, genauer gesagt am 30. August 1619, seine Geliebte Anna Maria Burckhardt. Sie war die Tochter eines Seidenhändler und starb nach 31 Jahren Ehe im Alter von 56 Jahren. Sebastian Beck selbst starb am 6. März 1654 in Basel. Zusammen mit seiner Frau hatte er vier Kinder.
Abraham Schultheiß (Dr. Scultetus) wurde am 24. August 1566 in Grünberg, Schlesien, in eine schlesisch lutherische Familie geboren. Er studierte Theologie und arbeitete nach seinem Abschluss unter anderem für den Kurfürsten der Pfalz, war Mitglied des Kirchenrats der Kurpfalz, wurde Hofprediger von Friedrich V. und wurde 1618 Professor für Altes Testament in Heidelberg. Durch seine Positionen hatte er Einfluss auf religiöse Fragen am Hofe Friedrichs und begleitete ihn auch auf seiner Hochzeitsreise. Zusammen mit u.a. Paul Tossanus reiste er zur Synode von Dordrecht und vertrat die Kurzpfalz. Zu seiner Zeit wurde Scultetus von einigen als einer der Hauptverantwortlichen angesehen, der Friedrich V. dazu gebracht hat, die Wahl anzunehmen. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass sein Einfluss tatsächlich nicht viel weiter als religiöse Fragen ging. Scultetus war jedoch für den Bildersturm im Prager St.-Veits-Dom an Weihnachten 1619 verantwortlich. 1621 floh er mit Friedrich aus Böhmen und übernahm ab 1622 bis zu seinem Tode am 24. Oktober in Emden die Stelle des Predigers (in Emden).
Ferdinand II. („König der Römer“), Erzherzog von Österreich, wurde am 9. Juli 1578 in Graz geboren. Nach dem Tod seines Vaters wurde er von seiner Mutter zu den Jesuiten ins Ingolstädter Kolleg geschickt, und stand somit unter streng katholischem Einfluss. Durch den frühen Tod seines Vaters wurde er 1590 Erzherzog von Innerösterreich und später gelang es ihm, nach und nach die Territorien der Habsburger Monarchie in seine Macht zu bringen. Er vertrat die Vorstellung des Absolutismus und der Gegenreformation. Sein Ziel war es, seine gesamten Länder zu „rekatholisieren“. 1617 wurde er König von Böhmen, wobei diese Herrschaft für die Jahre 1619-1620 als Folge des Prager Fenstersturzes unterbrochen wurde. Unterstützung bekam Ferdinand II. seitens der Spanier und seines Cousins Herzog Maximilian von Bayern, welchen er jedoch zuvor einige Zugeständnisse machen musste, unter anderem hat er ihnen zugesprochen, ihnen Länder zu übergeben. Mit dieser Unterstützung konnte er am 8. November 1620 mit einer katholischen Armee in die Schlacht am Weißen Berg in Prag ziehen. Diese Schlacht sorgte für einen Zusammenbruch des böhmischen Ständeaufstandes. Somit erhielt Ferdinand II. seine Herrschaft in Böhmen zurück und setzte den Katholizismus als einzige erlaubte Konfession im Machtbereich der Habsburger durch.
Veirasius (keine genauen Angaben, nur Vermutungen aufgrund des Briefes!) war scheinbar ein Vertreter von/für Tossanus, welcher sich um den verlässlichen und sorgfältigen Versand von Tossanus´ Briefen sorgte. Tossanus äußerte sich in seinem Brief an Beck (vom 29. August 1619) über Veirasius sehr positiv und spricht von seiner „Verlässlichkeit und Sorgfalt“ bei „der Pflege der Briefe“.
Johannes Piscator wurde am 27. März 1546 in Straßburg geboren und studierte in Straßburg und Tübingen. Er wandte sich vom Luthertum ab zum Calvinismus, weshalb er seine Professorenstellen in Straßburg und in Heidelberg aufgeben musste. Eine seiner wichtigsten Taten war die Veröffentlichung seiner eigenen Übersetzung der Bibel (Piscator Bibel). Diese Übersetzung war für längere Zeit im kirchlichen Gebrauch, wobei sie seitens der Lutheraner aufgrund einer gewissen Übersetzung hauptsächlich Spott erhielt. Manche akzeptierten sie trotzdem, von anderen wurde sie jedoch als Irrlehre bezeichnet. Piscator starb am 26. Juli 1625 in Herborn.
Petrus Molinaeus (Dr. Molinaeus) wurde am 16. Oktober 1568 als Sohn eines hugenottischen Predigers geboren. Die Bartholomäusnacht vom 23. Zum 24. August 1572 überlebte er nur dank des Einsatzes eines Dienstmädchens. Er war reformierter Theologe und Hochschulleiter. Da er selbst Protestant war, durfte er während des Bürgerkrieges (in Paris) nicht studieren. Er Verteidigte seinen protestantischen Glauben und war Kritiker von Moyse Amyraut, welcher durch die Lehre von einem gnädigen Willen Gottes die strenge Prädestinationslehre mildern wollte.
3 Inhalt des Briefes
Den Brief schrieb Tossanus am 29. August 1619 von Heidelberg aus an Sebastian Beck. Einleitend begrüßt er Beck und erklärt zunächst, weshalb er erst recht spät auf seine Briefe antwortet. Er erzählt er sei für zwei Wochen nicht zuhause gewesen, da er einige Kirchen betrachten sollte, was auch der Grund dafür war, dass Tossanus die Briefe von Becks verspätet gelesen habe. Er selbst freue sich zwar sehr über die Hochzeit von Sebastian Beck und Anna Maria Burckhard und die Einladung zu dieser, müsse aber mitteilen, dass er selbst nicht an der Hochzeit teilnehmen könne. Trotzdem versichert er Beck, dass er für ihn und seine Frau zu Gott bete und ihn nach seinem Segen für die beiden bitten würde.
Zudem freue sich Tossanus darüber, dass Beck das griechische Epigramm gefalle, wisse aber nicht, ob sich Dr. Scultetus sich ebenfalls bei ihm gemeldet und ein bzw. das Epigramm zugeschickt habe. Nebenbei erwähnt Tossanus auch sein Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Veirasius und dessen verlässlicher Arbeit im Umgang mit seinen Briefen.
Als Nächstes geht Tossanus auf die Wahl von Ferdinand II. zum König der Römer ein. Hierbei schreibt er auch davon, dass er sich jemand Anderen gewünscht habe, der nicht in Kriege, vor allem dem Glaubenskrieg von Katholiken und Reformierten (30-jähriger Krieg) der zu dieser Zeit herrschte, verwickelt war. Vor allem störte ihn, dass Ferdinand II. strenger Katholik war und somit nicht viel von den Reformierten und ihrer Glaubensart hielt. In Böhmen, Schlesien und Mähren habe man Ferdinand II. abgesetzt und stattdessen den Kurfürsten Friedrich V. (von der Pfalz) eingesetzt, welcher selbst Protestant war. Wenn Ferdinand II. nun die vorher entzogene Herrschaft annehme, was Tossanus in seinem Brief nicht anzweifelt, befürchtet Tossanus, dass es zu einem großen Krieg, vor allem zwischen den Erzherzögen und der Kurfürstlichen Familie, kommen werde.
In seinem Brief äußert sich Tossanus auch darüber, dass er davon ausgehe, dass dieser Krieg zwischen Katholiken und Reformierten noch schlimmer werde, als er schon sei.
Er vermutet, dass Ferdinand seine Macht durch seine neue Stellung dafür verwenden werde seine Macht auch in Böhmen und somit seine Macht im Allgemeinen gesichert sei. Wenn dies nicht geschehe, würden die Reformierten die Zahl der Katholiken übertreffen, und somit Macht über diese ausüben können. Tossanus erzählt, wie die Einwohner seiner Stadt dafür beten würden, dass sie von dem Krieg und der Herrschaft des Katholiken verschont werden würden. Friedrich hingegen sollen viele nützliche Ideen und Strategien gegen die Herrschaft Ferdinands einfallen bzw. von Gott gegeben werden. Tossanus zweifle auch nicht daran, dass andere Reformierte im Land ähnlich denken und handeln würden.
Zum Schluss schreibt Tossanus noch, dass er Antworten von Dr. Molinaeus erhalten habe. Weiter verspricht er Beck, dass er ihm nun öfter schreiben und sich um ihn sorgen werde um ihm so in gewisser Form den Beistand und die Liebe Gottes zu suggerieren.
Zuletzt grüßt und verabschiedet sich Tossanus noch bei Beck und erwähnt, dass er nun durch den Kurfürsten Friedrich V. und eine Urkunde seine Stellung ihm und seinen Nachfahren bestätigt wurde, wodurch er auch an ihn gebunden sei und hinter ihm stehen müsse. Auch Veirasius lässt Tossanus in seinem Brief grüßen.
3.1 Aufbau (rhetorische und sprachliche Analyse)
Anhand des Inhaltes (und des Aufbaus) des Briefes lässt sich schließen, dass es sich um einen (mehr oder weniger) fünfteiligen Privatbrief von Tossanus an Beck handelt. Zu Beginn begrüßt Tossanus Sebastian Beck mit den Worten: „S(erenissime), Reverende ac clarissime vir, frater in Christo dilecte: […]“ (= salutatio). Danach erklärt Tossanus seine Situation und warum er auf die Briefe von Beck nicht eher geantwortet hat. Auch bedankt er sich sehr herzlich für die Einladung (Seite 1, Zeile 6 ff.) und zeigt, wie sehr es ihm leidtut, dass er diese Einladung nicht annehmen kann. Denn er schreibt: „Nihil mihi iucundius fuisset, quam illis interesse, […]“ (Seite 1, Zeile 10 ff.), also dass ihm nichts lieber gewesen wäre, als bei dieser dabei zu sein. Dafür verspricht er für Gottes Segen zu beten und gedanklich bei ihnen zu sein (Seite 1, Zeile 17 f.) (= captatio benevolentiae). Nach dem Darlegen der aktuellen persönlichen Situationen schreibt Tossanus über die aktuelle politische Lage. Er schreibt zunächst was genau passiert ist, um sicher zu gehen, dass auch Beck Bescheid weiß, über was genau er schreibt und was Tossanus zu seiner Meinung bringt. Tossanus schreibt, dass sie, vermutlich die Gemeinde, in der er lebt, sich jemand Anderen als König der Römer gewünscht hätten. Denn Ferdinand II. ist strenger Katholik und möchte auch, dass dieser Glaube in seinem Volk durchgesetzt wird. Heidelberg hingegen ist hauptsächlich von der reformierten Glaubensart geprägt, stellt also damit einen direkten Gegner für Ferdinand und seine Anhänger bzw. die Katholiken dar. Da Tossanus so über seinen Glauben und seine Meinung schreibt, lässt sich vermuten, dass Beck ebenfalls einer ähnlichen Meinung sein könnte, wenn man davon ausgeht, dass sich Beck und Tossanus schon länger und etwas besser kennen. Auch nennt Tossanus seine Vermutungen, was geschehen wird, wenn Ferdinand die Herrschaft annimmt. Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass sich seine Vermutungen bestätigt haben. Daraus lässt sich schließen, dass Tossanus gutes Wissen über die Politik und die Politiker hat, und die Situation und das Verhalten der Menschen gut erkennen und einschätzen kann. Das zeugt von großem Allgemeinwissen und guter Bildung (= narratio). Da die Katholiken nach Tossanus´ Vermutungen mit allen Mitteln verhindern werden, dass der Kurfürst an die mehrheitliche Macht gelangt, und somit auch die Entscheidung über den Glauben von sieben Fürstentümern, mehr oder weniger, bestimmen kann. Denn er selbst ist reformiert und wird somit in die Politik auch seinen Glauben einfließen lassen, selbst wenn er nicht den Katholischen Glauben verbietet. Auch würden bei den Wahlen des Kaisers die Reformierten die Katholiken übertreffen, was zur Vergrößerung der Macht der Protestanten gegenüber den Katholiken führt. Ferdinand vermutet dies und will daher gegen eben diese Situation vorgehen. Auch die Bevölkerung selbst reagiert auf diese politische Situation, laut Tossanus, indem sie betet. Sie hoffen, dass sie selbst von Kriegen und Unruhen verschont bleiben und ihrem Kurfürsten gute Einfälle kommen, um gegen Ferdinand und die Katholiken anzukommen. Hierbei kann man davon ausgehen, dass nicht die gesamte Bevölkerung Anhänger von Friedrich waren, sondern auch einige dem Katholizismus angehörten und hinter Ferdinand standen. Diese werden vermutlich eher für Ferdinand gebetet und ihm strategisch gute Einfälle gewünscht haben. Nichtsdestotrotz werden sich auch viele Katholiken und Anhänger Ferdinand gewünscht haben, dass der Krieg und die Unruhen sie und ihre Gemeinde weitestgehend verschonen. Tossanus selbst zweifelt nicht daran, dass andere Gläubige bzw. andere Protestanten außerhalb seiner Gemeinde das tun: „Idem non dubito passim facere omnes pios“ (Seite 2, Zeile 25 f.) (= petitio). Zuletzt schreibt Tossanus noch, dass er Beck eine Abschrift seines Vaters über die Rechtfertigungen gegenüber Piscator schickt, was er ihm vermutlich zuvor zugesagt hatte. Auch informiert er Beck darüber, dass er Antworten auf die Briefe, die Tossanus über ihn versendet hat, erhalten hat. Um seinem Freund beistehen zu können verspricht Tossanus ihm öfter zu schreiben. Er versucht also, die Freundschaft aufrecht zu erhalten und Beck zu unterstützen. Zunächst verabschiedet sich Tossanus nun, ergänzt danach aber noch, dass er durch den Kurfürsten nun für sich und seine Nachfahren, bestätigt und festgehalten durch eine Urkunde, mehr Privilegien, Rechte und Zugänge zu Ämtern erhalten hat. Dadurch hat der Kurfürst Tossanus allerdings auch an sich gebunden. Also muss Tossanus nun auch hinter ihm stehen und bei beispielsweise politischen Entscheidungen beistehen oder Rat geben. Für seine Privilegien muss Tossanus also auch etwas geben: „Sic novo beneficio me sibi obstrinxit“ (Seite 3, Zeile 14). Allerdings zeigt Tossanus in seinem Brief sowieso, dass er nicht auf der Seite der Katholiken und Ferdinands steht. Zuletzt schreibt Tossanus dann noch in ehrenhafter Form den Adressaten (Seite 3, Zeile 15 ff.) und lässt außerdem noch Verasius grüßen („Cui salutem officiosus“ Seite 3, Zeile 21) (= conclusio).
Zwar ist dieses fünfteilige Schema nicht in Form eines streng aufgeteilten Briefes an eine Person mit sehr erhöhter Stellung geschrieben, aber trotzdem kann man eben diese fünfschrittige Aufteilung in dem Brief erkennen. Die Idee dieser Aufteilung kam zwar eigentlich für amtliche Schreiben auf, wurde aber mehr und mehr auch in Privatbriefen wie diesem verwendet. Salutatio und captatio benevolentiae lassen sich in diesem Brief noch sehr gut erkennen. Auch narratio lässt sich in Form der Darstellung der aktuellen Lage noch erkennen. Petitio hingegen ist weniger eine Bitte, wie sie in formellen Briefen verwendet wurde, sondern eher noch ein Teil der narratio, in welcher nicht beschrieben wird, wie die Leute handeln sollen, sondern wie sie bereits handeln (in diesem Fall beten). Auch die conclusio ist eher in einer abgewandelten Form gegeben, da Tossanus in dieser eher lediglich den Brief zum Abschluss bringt noch letzte Neuigkeiten in seinem Leben erwähnt. Was bei der conclusio noch auffällt ist, dass Tossanus seinen Freund Beck sehr hoch ehrt und darstellt. So sagt er zum Beispiel „Dem hochwürdigen und sehr erlauchtesten Mann […] dem sehr würdigen Herrn Professor und zu verehrenden Freund […]“ (Seite 3, Zeile 15 und 19). Diese Schreibweise und „Komplimentierkunst“ war typisch für den im 17. Jahrhundert aufkommenden „galanten Brief“. Damit wollte man sich dem Gegenüber bzw. dem Adressaten möglichst in ein gutes Licht stellen. Bei Tossanus war es wahrscheinlich eher so, dass er seinem Freund zeigen wollte, dass er ihn schätzt und respektiert, und nicht um sich für irgendwelche Gefallen in ein gutes Licht zu rücken.
Durch den Brief wirkt es so, als wären Tossanus und Beck befreundet, oder zumindest sehr gute Bekannte gewesen. Zum einen hat Beck Tossanus zu seiner Hochzeit eingeladen, zum anderen schreiben Tossanus und Beck auch über persönliche Ansichten zu politischen Themen. Tossanus und Beck verbinden auch mehrere Gemeinsamkeiten, auf welchen sie auch Gespräche aufbauen. So gehören sie zum einen beiden der reformierten christlichen Glaubensrichtung an. Sie glauben beide auf die gleiche/ sehr ähnliche Art an den gleichen Gott, haben somit also schon einige Aspekte im Leben und Handeln, zu denen sie gleichgesinnt sind. So zum Beispiel auch die Hochzeit. Sie findet ganz nach christlichem Glauben statt, und Tossanus verspricht diese Ehe zu unterstützen, indem er für die beiden betet. Das Beten für die Mitmenschen wird durch die Bibel, vor allem das Neue Testament (Beispiel: 1. Timotheus 2, 1) gepredigt. So zeigt Tossanus auch, dass ihm sein Glaube wichtig ist. Dadurch, aber auch durch den Satz „Ego vero in te amando, colendo crebruisque per litteras compellando tuo desiderio atque exspectationi …? Respondebo“ (Zeile 2, Seite 3) zeigt Tossanus, dass er Beck in seinem Glauben unterstützt und ihm zur Seite steht. Denn er möchte ihm helfen, die Liebe Gottes zu spüren, und sich somit vielleicht auch in seinem Glauben bestätigt zu fühlen. Denn gerade in der Zeit des Krieges könnte es sein, dass sich die Menschen, und somit auch Beck, in ihrem Glauben verunsichert fühlen. Zum einen, da so etwas schreckliches wie ein Krieg ausgebrochen ist, zum anderen aber auch, weil der Streitpunkt dieses Krieges die verschiedenen Ansichten des christlichen Glaubens waren (reformiert und katholisch). Abgesehen von dem Glaubensaspekt, der sich durch die damalige politische Lage nicht nur auf das private Verhalten, sondern eben auch auf die Politik und die jeweilige Haltung zur Politik und der derzeit aktuellen Lage ausgewirkt hat, schreibt Tossanus selbst in Zeile 19, Seite 3 „[…] amico colendo“, was so viel bedeutet wie „zu ehrender Freund“. Tossanus nennt Beck also selbst seinen Freund.
Zu den Stilmitteln in dem Brief von Tossanus lässt sich vor allem sagen, dass über den ganzen Brief hinweg einige Alliterationen, Homoioteleuta und Homoioptota nachweisen lassen. Diese sind oft aber auch zufällig entstanden und haben auf die Interpretation keine weitere Auswirkung. So stehen beispielsweise auf Seite 1, Zeile 8 „cum clarissima“, Seite 2, Zeile 4 „Regem Romanorum“ oder auf Seite 3, Zeile 10 „mihi meisque“ Alliterationen, die beim lesen des Briefes zwar auffallen, aber nicht wesentlich zu etwas beitragen. Beispiel für ein Homoioteleuton steht auf der Seite 1, Zeile 5 f. „Palatinu a Senatu“. Ein Beispiel für ein Homoioptoton wäre auf der Seite 1, Zeile 18 „Optimum Maximum“, wobei dieses im Originaltext nicht ausgeschrieben wurde. Seine Komplimente gegenüber Beck unterstützt er durch die Verwendung von Superlativen, wie auf Seite 1, Zeile 1 („Serenissime“ und „clarissime vir“) oder Komparativen auf der Seite 3, Zeile 15 („clarissimo“) oder Zeile 19 („dignissimo“). Seine Verehrung gegenüber Gott betont Tossanus durch die Verwendung einer Tautologie auf Seite 1, Zeile 18 „Optimum Maximum“, denn diese Worte haben sehr ähnliche Bedeutungen und beschreiben den Gott, an welchen sowohl er als auch Beck glauben.
In der Form des Briefes lässt sich auch eine Art Anapher auf den Seiten 1 (Zeile 22 „Nam“) und 2 (Zeile 1 und 6) erkennen. Diese lässt den Leser den Brief leichter lesen, sorgt aber nicht, wie üblicherweise, für eine starke Einprägung des geschriebenen in das Gedächtnis des Lesers.
Da Tossanus und Beck befreundet waren und die Stilmittel nicht stark ausgebaut sind lässt sich vermuten, dass Tossanus mit diesen seinen Freund auch nicht zu irgendetwas überreden wollte, zumal er diesen in seinem Brief auch um nichts bittet.
4 Schluss
Abschließend lässt sich sagen, dass Tossanus und Beck auf privater Ebene eine enge freundschaftliche Beziehung hatten. Tossanus wird zu einer persönlichen Feier, seiner Hochzeit, eingeladen. Außerdem schreibt er offen seine Meinung über politische Angelegenheiten, was man in dieser Form unter Fremden nicht macht. Tossanus´ Haltung zur politischen Lage ist, dass er aufgrund der konfessionellen Hintergründe Ferdinands II. und seiner Einbindung in den Krieg nicht glücklich über den dessen Kürung zum König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war. Beck und Tossanus tauschen sich sowohl über erfreuliche Themen (wie die Hochzeit von Beck oder auch die Bestätigung seines Ranges), als auch über nicht so schöne Themen (wie den anlaufenden Krieg) aus.
Stilistisch gesehen hält sich Tossanus grob an das fünfteilige Schema des Briefaufbaus, welches an die dispositio der antiken Redekunst angelehnt ist. Auffällig ist vor allem die große Menge an Komparativen und Superlativen, die Tossanus zur Ansprache von Beck verwendet. Dies liegt aber daran, dass der Schreibstil zu dieser Zeit solche Wortwahlen hervorbrachte. Im Großen und Ganzen ist der Brief von Tossanus aber nicht mit Stilmittel überfüllt und verständlich geschrieben. Auch hat Tossanus nicht die Absicht, Beck von seinen politischen Ansichten zu überzeugen, sondern sich lediglich mit seinem Freund auszutauschen.